A E I O U

Andacht für das Langenhagener ECHO am 10.08.19 von Pastor Rainer Müller-Jödicke

Fünf Buchstaben sind auf dem zwölf Meter hohen Grabstein zu erkennen. Ganz vorn steht dieses Alabasterstück in der schönen Coburger Stadtkirche im Norden Bayerns. Es zählt zu den prächtigstes Epitaphen der Renaissance in Deutschland. Um die fünf Buchsstaben herum sind viel kleine Texte und Erläuterungen in goldenen Lettern zu sehen, und natürlich Figuren von der herzoglichen Familie. Eine davon steht für Johann Friedrich II. von Sachsen, der dort beerdigt ist. Zu genau ihm gehören die fünf Buchstaben a e i o u.

Vor etwa 500 Jahren hat er gelebt und war ein treuer Anhänger Martin Luthers. Dafür hat er sich eingesetzt und sogar Kriege gegen die katholischen Österreicher geführt – und dabei alles verloren. Sein Sohn empfand es als tiefe Demütigung, dass die Österreicher den Vater in Wien achtundzwanzig Jahre lang gefangen hielten, bis er starb. Der Sohn holte ihn dann zurück und beerdigte ihn in der Kirche nahe der Kanzel, auf der Luther einst gepredigt hatte.

Macht, Einfluss, Besitz und Freiheit hatte Johann Friedrich verloren – für seine Glaubensüberzeugung. Die aber wollte er sich von niemandem wegenehmen lassen, erst recht nicht von den siegreichen Österreichern. Die hatten als erstes den fünf Vokalen eine besondere Bedeutung gegeben. Für die Alpenländer sind a e i o u die Abkürzung der Worte „Aller Erden ist Österreich untertan“. Die fünf Buchstaben gelten bis heute als nationales Symbol Österreichs.

Und dann hat der Sohn Johann Friedrichs dieselben Buchstaben auf die Grabstätte seines glaubenstreuen, lutherischen Vaters schreiben lassen, der alles verloren hatte – nur nicht seinen Glauben ans Evangelium. Aber der Sohn hat die fünf Buchstaben mit einer neuen Bedeutung versehen und notiert: „Alleins Evangelium ist ohn Verlust!“

Frieden auf dem Weinberg

Andacht für das Langenhagener ECHO am 25.05.19 von Pastor Rainer Müller-Jödicke

Davids Familie besitzt einen Weinberg in Bethlehem. Ich habe ihn dort besucht bei meiner letzten Reise nach Israel. Seit fast einhundert Jahren baut seine Familie dort neben Wein auch Oliven und Obst an. Und sein Großvater hat damals alles richtig gemacht, als er den Berg gekauft hat und die Urkunde ordnungsgemäß von der damaligen türkischen Regierung besiegeln ließ; auch die Briten und die Israelis haben ihm seinen Besitz im Laufe der Jahre mit vielen Stempeln bestätigt.

Deshalb war die christliche Familie Nasser total entsetzt, als die israelische Regierung 1981 sie enteignen und den gesamten Weinberg erst zu einem militärischen Sperrgebiet erklären wollte, um dann später eine weitere jüdische Siedlung darauf zu errichten. Seit fast 40 Jahren läuft das Gerichtsverfahren jetzt.

Weil David kein Haus mehr auf seinem Grundstück bauen darf, empfing er mich zum Essen unter freiem Himmel und dann später zum Gespräch in einer Höhle. Der Weg dahin war schwierig, denn das Militär hat die Zufahrtsstraße zuschütten lassen. Aber seit David ausländische Gäste empfängt, wird er immerhin nicht mehr beschossen. Die israelischen Soldaten kommen trotzdem immer wieder mal; vor zwei Jahren haben sie in einer Nacht- und Nebelaktion dreihundert Olivenbäume abgesägt!

„Wie hältst du das bloß aus?“, wollte ich von David wissen. „Jesus macht mir Mut zum Frieden, den ich hier mit den Menschen erlebe, die ebenfalls für den Frieden eintreten“, antwortet er und erzählt von der jüdischen Gemeinde, der das mit dem Abhacken der Olivenbäume so peinlich war, dass sie ihn besucht und einfach dreihundert neue Bäume gepflanzt hat. Seine christlichen Kinder haben viele muslimische Freunde; die lädt er oft ein, auf seinem Weinberg gemeinsam zu feiern und unter freiem Himmel zu übernachten; so bringt David Menschen zusammen.

Schwer beeindruckt ziehe ich am Nachmittag wieder weiter. Am Gartentor bleibe ich noch einmal stehen und lese, was David dort in mehreren Sprachen in Stein gemeißelt hat. Ja, das passt zu ihm, denn dort lese ich: „Wir weigern uns, Feinde zu sein!“

Grüß Gott

Andacht für das Langenhagener ECHO am 14.02.19 von Pastor Rainer Müller-Jödicke

„Grüß Gott“, ruft sie mir fröhlich zu und lädt mich in ihre Konditorei ein. Mir läuft das Wasser im Mund zusammen, als ich die vielen Torten und Pralinen hinterm Tresen erblicke. Unbedingt will ich ein Stück probieren und am liebsten eine Tasse Tee dazu trinken.

Als ich mich dann in ihrem kleinen Café an einen Tisch gesetzt habe, komme ich aus dem Staunen nicht mehr heraus: Offensichtlich gibt es sogar in Österreich kleine ostfriesische Teetassen mit der roten Rose drauf. Sogleich bin ich mit der Konditorin im Gespräch und sie erzählt mir, dass sie das Service mal aus einem Urlaub an der Nordsee mitgebracht und ihr ganzes Café damit ausgestattet hat.

„Aber bei Ihnen da oben sagt man nicht „Grüß Gott“ zur Begrüßung, oder?“, fragt sie mich dann. „Nein“, antworte ich ihr: „Wir sagen eher „Moin“, das „Grüß Gott“ klingt für uns auch ein bisschen katholisch.“ Und dann fällt es ihr auch selbst wieder ein, dass sie entlang der Küste viele Evangelische getroffen hat. „Aber unserem Herrgott ist das eh egal, ob wir evangelisch oder katholisch sind, der passt auf jeden von uns auf“, ist sie überzeugt; und ich kann spüren, dass sie selbst das gewiss schon oft erlebt hat, dass Gott sie beschützt.

Und wieder läutet es an der Tür, denn ein neuer Gast kommt ins Haus, den sie ebenfalls mit einem fröhlich „Grüß Gott“ empfängt. Der Neuankömmling antwortet sofort: „Tut mir leid, den kann ich nicht von Ihnen grüßen, ich habe ihn nämlich noch nie gesehen!“

Die Konditorin erschrickt und rückt erstmal ihre Torten zurecht. Leise, aber doch verständlich murmelt sie dann: „Das ist schade und liegt leider an Ihnen selbst. Aber umso mehr wünsche ich Ihnen das, dass Sie irgendwann auch einmal erleben, dass er ihnen hilft und dass Sie ihn ganz am Ende im Himmel einmal wirklich sehen werden!“

Brenda teilt

Andacht für das Langenhagener ECHO am 24.10.18 von Pastor Rainer Müller-Jödicke

Brenda ist eine der Frauen, die ich letztes Jahr in Südafrika kennengelernt habe. Sie lebt dort in unserem Partnerkirchenkreis Odi, vor ein paar Jahren war sie auch mal in Langenhagen zu Gast. Inzwischen ist sie pensioniert und hat viel Zeit.

Sie engagiert sich in ihrer Kirchengemeinde, so gut sie das kann: Im Chor singt sie mit, in den Kirchenvorstand hat sie sich wählen lassen, und einmal in der Woche besucht sie Menschen in einem Altenheim. Dann packt sie ihre großen Taschen voll, damit die Senioren einfach mal etwas anderes zu essen und zu trinken bekommen als das, was es sonst so gibt. Ich weiß auch, dass sie gerne ein bisschen mehr in die Kollekte wirft, was ich bewundere. Denn wie die meisten farbigen Menschen in Südafrika ist auch Brenda nicht wirklich reich.

„Warum machst du das und teilst so viel?“, wollte ich von ihr wissen. „Du brauchst dein Geld doch selbst.“ Ich habe fast ein wenig mit ihr geschimpft: „Wenn du zu viel gibst, dann müssen am Ende die anderen auch noch dir helfen.“

Aber da hatte ich ja etwas gesagt. Sie baute sich vor mir auf, zog ihr Kleid zurecht und wurde deutlich: „Alles, was ich trage, was ich besitze und in meinem kleinen Häuschen ist, das gehört mir nicht. Gott hat es mir geschenkt. Verdient habe ich das nicht, dass ich ein klein bisschen mehr habe als meine Nachbarn. Und darum kann ich gar nicht anders, sondern muss das, was ich ein bisschen mehr habe, mit anderen in unserer Gemeinde teilen.“

Dann schlug sie auch noch ihre Bibel auf und sagte: „Schau mal, irgendwann stehen wir doch alle unserem Herrgott gegenüber. Und dann sprechen wir zusammen darüber, was wir so unser ganzes Leben lang gemacht haben. Dann werde ich ihm wohl erzählen, wie viel ich gearbeitet habe und wie schön ich mir alles gemacht habe. Und am Ende kommt dann eine Frage: Brenda, so wird Gott mich dann fragen, hast du wenigstens einmal das, was ich dir geschenkt habe, mit anderen geteilt? Und wenn Gott mich das dann so fragt, dann will ich ihm wenigstens ein bisschen was antworten können.“

Sich beten

Andacht für das Langenhagener ECHO am 25.08.18 von Pastor Rainer Müller-Jödicke

Fasziniert stehe ich vor der Klagemauer. Mitten in Jerusalem beten die Juden hier seit Jahrtausenden. Neugierig folge ich einem Mann im schwarzen Anzug und mit großem schwarzem Hut. Unter dem Arm trägt er ein hebräisches Gebetbuch, das er direkt an der Mauer auf eine Art Notenständer legt. Wie die meisten anderen Männer beginnt er nicht nur zu lesen, sondern auch zu wippen. In regelmäßigem Takt beugt er immer und immer wieder seinen Oberkörper leicht nach vorn über das Buch.

Ein Kollege, der sich lange mit Israel beschäftigt hat, hat mich an diesen besonderen Ort geführt. Viele kennen dieses jüdische Heiligtum aus der Tagesschau, weil hier nicht nur Juden, sondern auch prominente Staatsgäste gern kleine Gebetszettelchen in die Ritzen der Mauer stecken. Das ist genauso ein Gebet wie das, was die die zehn jungen Soldaten gemeinsam sprechen, die sich ein paar Meter weiter im Kreis aufgestellt haben. Hier wird sehr vielfältig gebetet.

 „Warum wippt der Mann so beim Beten?“, frage ich meinen Kollegen. Und dann erklärt er mir, dass die hebräische Vokabel für „beten“ eigentlich mit „sich beten“ übersetzt werden müsse. Dabei fällt mir ein, dass die Grammatik solche Formen als reflexiv bezeichnet. Im Deutschen kennen wir das bei einigen Verben auch: Es heißt bei uns „sich erinnern“ und „sich durchsetzen“ sowie „sich aneignen“.

All diesen besonderen Verben ist gemein, dass die beschriebene Tätigkeit besonders eng mit einem selbst zu tun hat. Wer sich erinnert, der kramt in den gesamten Erinnerungen seines Lebens herum. Wer sich durchsetzen will, muss seine ganze Kraft aufbringen. Wer sich Wissen aneignet, der tut das aus großem persönlichem Interesse.

„So ist das für die hebräische Sprache auch mit dem Beten“, erklärt mir mein Kollege und fährt fort: „Wenn die Juden beten, dann wollen sie das richtig tun und mit ganzem Geist und Verstand an Gott denken, mit ihrer ganzen Person, so dass das sogar körperlich spürbar ist.

Endlich Ruhe haben!

Andacht für das Langenhagener ECHO am 21.07.18 von Vikar Jens Wening

Die vierte Woche Schulferien hat angefangen. Ab jetzt sind auch Semesterferien an der Universität. Nun ist es da: Das Sommerloch. Endlich Ruhe haben von allen Aufgaben und Verpflichtung. Und auch abends hat man wieder frei: Seit einer Woche ist Frankreich Weltmeister und die WM 2018 Geschichte. Die nächsten Spiele sind in größtmöglicher Ferne: Erst im Advent 2022 wird wieder um den Weltmeistertitel gekämpft – in der Wüste von Katar.

Die Wüste – eigentlich ein ruhiger Ort. Gerade habe ich ein Buch darüber gelesen. Es handelt von dem Leben der „Wüstenväter“ im 5. und 6. nachchristlichen Jahrhundert. Das waren Männer, die auf der Suche nach Ruhe und Abgeschiedenheit in die Wüste östlich von Jerusalem kamen. Dort lebten sie in aller Einfachheit in natürlichen Höhlen, ernährten sich von wildwachsenden Pflanzen und waren ansonsten ins Gebet vertieft. So fokussierten sie ihr Leben neu und ordneten ihre Prioritäten.

So zu leben mutet heute sehr fremd an – und ist gleichzeitig erstaunlich modern: Auch wir kennen den Wunsch nach einem Leben mit geklärten Prioritäten, nach belastbaren Werten, nach einer inneren Gelassenheit, die zufrieden macht. Manche nehmen sich eine Auszeit, um zu neuer Kreativität zu finden. Andere verzichten eine Zeit lang auf ihr Smartphone – „digitales Fasten“ als neuzeitliche Wüstenerfahrung!

Noch einige ruhige Tage – dann wird sich auch bei uns wieder der Alltag melden: Das Telefon klingelt, neue Emails ploppen auf, Hausaufgaben müssen erledigt werden, der nächste Prüfungstermin steht an. Wenn es dann mit Schule und Beruf wieder losgeht: Wo finden sich in unserem Alltag ruhige Orte?

Für mich sind Gottesdienste solche Ruheorte: Das Smartphone ist abgeschaltet, keine Ablenkung, klarer Fokus. Im Gottesdienst müssen wir nichts tun. Sondern Gott dient uns: Hilft dabei, die richtigen Prioritäten zu setzen. Innerlich frei zu werden von dem, was von außen bedrängt. Das Gedankenkarussell zum Stillstand zu bringen. Ruhe zu finden. Auch ohne Wüste.

Ich habe Ihnen Zeit mitgebracht

Andacht für das Langenhagener ECHO am 12.05.18 von Diakonin Nora Rolf

Neulich war ich auf dem Weg zu meinen Eltern. Das sind ungefähr 1 ½ Stunden Fahrt. Ich schaute schon mit Vorfreude auf das Wochenende, weil ich viele aus meiner Familie sehen würde und auch ein Treffen mit meiner besten Freundin stand im Kalender. Nur die Autofahrt lag noch vor mir. Die Strecke bin ich schon ganz häufig gefahren und da ist ja die Gefahr, dass wir gar nicht mehr links und rechts schauen, was noch so am Wegesrand ist. Die ersten Kilometer kam mir das auch alles ganz bekannt vor. Doch dann kam ich aus dem Staunen kaum noch raus. Die Sonne schien auf die herrlich gelben Rapsfelder und das Grün der Bäume sah so saftig aus, wie ich es noch nie erlebt hatte. Ein Lächeln breitete sich auf meinem Gesicht aus und ich genoss diesen Moment. Ich verspürte Glück. Glück ist auch das Jahresmotto der Evangelischen Jugend im Kirchenkreis Burgwedel-Langenhagen. Und in dem Moment auf der Autofahrt wurde mir klar, dass Glück sich nicht unbedingt planen lässt. Es hat mich in einem Moment erwischt, in dem ich nicht damit gerechnet hatte. Für mich liegen Dankbarkeit und Glück sehr nah beieinander. Ich war so dankbar für diesen Augenblick des Glücks. Denn Glück kann auch einfach mal nur ganz kurz da sein. Oder es hält für eine längere Zeit. Das erleben wir alle bestimmt immer etwas unterschiedlich. Bei mir zog sich der Glücksmoment noch etwas in die Länge: Im Radio lief mein Lieblingslied und meine beste Freundin traf ich noch am gleichen Abend in einer Andacht. Wir wussten beide nicht, dass die andere hingeht. In dieser Andacht konnte ich nochmal „Danke“ sagen für das Glück an diesem Tag. Das Glück, das gar nicht so groß war, sondern mir in kleinen Dingen begegnet ist: im Staunen, im Musikhören und in der Begegnung. Ich habe Gott gedankt, dass er solche Geschenke gibt. Dass er uns damit Kraft schenkt auf unseren verschiedensten Wegen. Denn nicht immer ist so eine Autofahrt angenehm und nicht immer ist unser Weg einfach. Gerade dann tun solche kleinen Glücksmomente gut. Und die Erinnerung in solch holprigen Zeiten daran, dass Gott mit uns geht, kann auch Glück hervorrufen. Gott ist uns nahe, auch wenn wir das vielleicht zwischendurch vergessen haben. Durch solche Glücksmomente kann ich mich daran erinnern, dass er da ist und dass er mir diese schenkt genau dann, wenn ich es brauche und vielleicht nicht damit rechne. Ich wünsche Ihnen in der kommenden Zeit auch Glücksmomente. Und achten Sie darauf, Sie können in den kleinsten Dingen stecken!

Ich habe Ihnen Zeit mitgebracht

Andacht für das Langenhagener ECHO am 02.12.17 von Vikar Jens Wening

Vor ein paar Wochen habe ich als Vikar eine Ausbildung in der Klinkseelsorge gemacht. In den Krankenzimmern habe ich mich so vorgestellt: „Guten Morgen. Mein Name ist Jens Wening. Ich bin Mitarbeiter der Klinkseelsorge. Und ich habe Ihnen Zeit mitgebracht. Wenn Sie mögen, bleibe ich gerne einen Moment.“

Häufig war die Antwort: „Ja, gerne!“ oder „Ach, wie schön!“ Da kommt einer und bringt Zeit mit – mir! Viele gute und Mut machende Gespräche haben sich so ergeben. Seitdem muss ich immer wieder an diesen Satz denken: „Ich habe Ihnen Zeit mitgebracht.“ Und daran, was sich verändern kann, wenn man sich Zeit nimmt.

Häufig fehlt die Zeit, auch mir: Jeden Tag füllen neue Emails mein Postfach, der Artikel, den Sie gerade lesen, muss noch raus und Winterreifen, die brauche ich auch noch dringend. Da geht manches verloren: Ein Musikstück will in Ruhe gehört werden. Der graue Dezembertag braucht Zeit, damit er bei einem Spaziergang seine windumtoste Schönheit preisgibt. Und manches Gespräch bleibt unter Zeitdruck nur an der Oberfläche belangloser Höflichkeiten.

Da tröstet es mich, dass Gott das auffüllen kann, wozu meine Zeit nicht gereicht hat. So kann ich es besser akzeptieren, dass meine Zeit nicht für alle meine Vorhaben und Aufgaben ausreicht. Oft zerrinnt mir die Zeit zwischen den Händen, aber die Adventszeit erinnert mich daran: Gott hat uns Zeit mitgebracht. Er ist zu uns Menschen gekommen, damit etwas bleibt von unserer Zeit.

Heute wird schon das zweite Türchen am Adventskalender geöffnet. Eine gute Gelegenheit, sich Zeit zu nehmen. Vielleicht mit einem kurzen Impuls aus dem Online-Adventskalender der Landeskirche Hannovers? Meine Kolleginnen und Kollegen haben sich für Sie Zeit genommen, um die virtuellen Türchen mit besinnlichen, nachdenklichen und humorvollen Beiträge zu füllen. Schauen Sie doch mal nach unter www.advent-e.de – und nehmen Sie sich Zeit für den Advent.

Zu fünft wohnen

Andacht für das Langenhagener ECHO am 18.11.17 von Pastor Rainer Müller-Jödicke

„Wir wohnen zwar zu fünft in meinem Haus, aber für euch ist auch noch Platz“, sagte sie und bat ihren Enkel, unsere Koffer ins Auto zu stellen. Unbedingt wollte sie mich und meine Frau in ihrem kleinen Haus beherbergen, als wir in ihrer Stadt vorbeikamen. Ich war doch zweieinhalb Wochen lang im Herbst in Südafrika unterwegs. Schon lange besteht die Partnerschaft zum dortigen Kirchenkreis Odi. Und in der Partnerschaftsarbeit ist diese Frau, Beauty heißt sie, so aktiv, dass sie selbst vor ein paar Jahren in Langenhagen zu Gast war; die damalige Reise ist einer der absoluten Höhepunkte in ihrem Leben.

Auf der Fahrt durch die Stadt erzählte sie mir dann, dass es fast nicht geklappt hätte mit unserer Begegnung: Denn sie war ein paar Tage im Krankenhaus gewesen. Und dann beeindruckte sie mich durch ihre Glaubensstärke: „Unser Vater hat gut für mich gesorgt und auf mich aufgepasst“, sagte sie, und ich verstand, dass sie Gott als Vater bezeichnete.

Als wir dann um ihren Küchentisch herum saßen, wollte sie alles wissen über meine Arbeit in Engelbostel und Schulenburg, wo sie auch einige Häuser kennt. „Oh, ich wünsche dir so sehr, dass du immer begeistert wirst für deinen Dienst, auch ich fühle mich immer wieder ermutigt für meine Ehrenämter in der Gemeinde“, hörte ich sie sagen und schmunzelte, weil sie geschickt den Heiligen Geist in ihren Satz eingebaut hatte.

Vor dem Abendessen betete sie dann ein Tischgebet, das wie unser altes deutsches Tischgebet begann: „Komm, Herr Jesus, sei du unser Gast, und segne, was du uns bescheret hast.“ Ich musste schmunzeln, denn nun hatte sie wie selbstverständlich alle drei Personen des dreieinigen Gottes erwähnt.

Vor dem Schlafengehen fragte ich dann, wo wir denn schlafen sollten und wo überhaupt die anderen drei, mit denen sie hier neben ihrem Enkel wohne, den ganzen Abend gewesen seien. „Wir wohnen zu fünft in meinem Haus“, hatte sie doch anfangs gesagt. Ihre Antwort war klar: „Sie waren doch den ganzen Abend bei uns: Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist!“

festhalten

Andacht für das Langenhagener ECHO am 03.06.17 von Pastor Rainer Müller-Jödicke

Ich bin sein „Pata“, so nennt er mich als Pastor. Er kann nicht ganz so deutlich sprechen wie andere, auch das Lesen und Schreiben fällt ihm schwer. Deshalb besucht er auch eine andere Schule. Aber beim Konfirmandenunterricht ist er immer mit allen anderen Mädchen und Jungs aus unserer Gemeinde dabei gewesen. Das hat ihm vor allem seine Kusine ermöglicht, die im Unterricht immer neben ihm gesessen hat und ihn unterstütze, wenn es irgendwelche Aufgaben zu erledigen galt.

So manches Mal habe ich überlegt, ob ich ihm wohl wirklich gerecht werde mit meinem Unterricht. Nimmt er da wirklich genug für sich mit? Kommt er eigentlich in seinem eigenen Glauben weiter, wenn ich mit den anderen über den Glauben diskutiere? Er hält sich in solchen Gesprächen eher zurück und hört zu. Was glaubt er eigentlich?

Dass er sich an Jesus kräftig festhält, das hat er mir dann auf seine eigene Art gezeigt. Bei unserer Konfirmandenfreizeit vor ein paar Monaten nahm er mich einmal zur Seite, sagte „Pata“ zu mir und griff in seine Hosentasche. Daraus zog er ein kleines Kreuz hervor. Solche hatten wir einmal im Gottesdienst verschenkt. Seine Kusine übersetzte mir dann, was er mir über dieses Kreuz sagen wollte und erklärte mir, dass er es sehr gerne bei sich trägt und es nachts sogar neben sein Kopfkissen legt. Darum habe er auch bei der Freizeit einfach nicht zu Hause lassen wollen, sondern mitgebracht.

Nach den Osterferien ging es dann darum, die Konfirmation vorzubereiten. Mit der Gruppe haben wir das Glaubensbekenntnis geübt: Denn die Liturgie sieht es so vor, dass alle, die sich konfirmieren lassen wollen, in dem Festgottesdienst vor der ganzen Gemeinde ihr Glaubensbekenntnis ablegen.

Und dann staunte ich bei der Konfirmation, dass auch seine Lippen immer wieder ein Stückchen mitgingen im Text. Aber noch auf ganz andere Weise konnte ich deutlich erkennen, dass und wie er sich zu seinem Glauben bekennt und an Jesus festhält. Er zwinkerte mir zu und zog sein Holzkreuz aus der Hosentasche, und daran hielt er sich fest.

Hier wohnt Gott

Andacht für das Langenhagener ECHO am 22.10.16 von Pastor Rainer Müller-Jödicke

Wenn Gott irgendwo wohnt, dann hier“, diesen Satz schrieb einmal ein Tourist in das Gästebuch einer Kirche. Auch ich gehe gern im Urlaub in Kirchen und schaue sie mir an. Sie sind nicht nur touristisch interessant, sondern zeigen mir, wie die dortigen Menschen Gott verehren und erleben. Da finde ich einen ruhigen Moment mit Gott.

Auf meiner letzten Reise, die mich nach Israel führte, war ich an vielen heiligen Orten. An der Klagemauer in Jerusalem spüren die Juden seit zweieinhalb Tausend Jahren Gottes Nähe, das war einmal die Westmauer des Tempels. Aber wenn Gott da wirklich wohnt, muss er da heutzutage sehr viel Unruhe ertragen. Mich jedenfalls haben die Sicherheitsschleusen, die vielen Soldaten und auch ein Taschendieb gestört.

Auch in Bethlehem bin ich gewesen: Wo die Heilige Familie mit Ochs und Esel gewohnt hat, steht heute eine Kirche. Wohnt Gott in der Geburtskirche? Dort hatte ich es mir ebenfalls anderes vorgestellt. Kann ein Mönch bei Gott zu Besuch sein, der im Seitenschiff eifrig in sein Smartphone tippt? In Gottes Haus wird auch das Abendmahl gefeiert: Aber ist das bei Gott so stressig, wie der französische Priester es mit seiner Reisegruppe gestaltete? Und war die polnische Jugendliche für einen Besuch bei Gott wirklich angemessen gekleidet? Sie hielt zwar ihre Knie und Schultern bedeckt, aber der Ausschnitt war ganz schön tief, als sie sich über die Stelle beugte und den Boden da küsste, wo die Krippe gestanden haben soll.

Eine ganz andere Kirche hat mich dann in Jerusalem fasziniert: Kaiser Wilhelm hat dort die Erlöserkirche einst bauen lassen. Die meisten Touristen gehen schnell an ihr vorbei, weil nur hundert Meter weiter die Grabeskirche steht. Doch im Gottesdienstraum war es so still, dass ich dort Gottes Wort hören wollte. Im Innenhof blühten die Blumen unter den Palmen so bunt, dass sie Gottes Herrlichkeit schmückten. Die gemauerten Rundbögen waren so vollendet, dass sie Gottes Perfektion abbilden. Und das Altarfenster war so hell, dass es zeigt, wie Gott mein Leben hell macht. Ja, dort könnte ich das auch in ein Gästebuch schreiben: „Wenn Gott irgendwo wohnt, dann hier.“

Bunte Stühle

Andacht für das Langenhagener ECHO am 23.07.16 von Pastor Rainer Müller-Jödicke

So viele verschiedene Stühle? Das wirkt so bunt und durcheinander! Ich war überrascht, als ich kürzlich in der Melanchthonkirche in Hannovers Südstadt war. In unserer Engelbosteler Kirche haben wir ja noch barocke Sitzbänke, die etwas steil sind und nicht umgestellt werden können. Die Paulusgemeinde in Langenhagen hat hingegen bequeme und leichte Stühle in ihrer modernen Kirche stehen, aus denen auch ein Sitzkreis gebaut werden könnte.

In der Melanchthonkirche aber steht ein ganzes Sammelsurium an bunten Stühlen. Alle sehen schon etwas in die Jahre gekommen aus, manche haben Schrammen davon getragen. Vor allem aber sieht jeder anders aus: Der grüne Holzstuhl passt gut in eine Küche der siebziger Jahre, der Rattenstuhl stand mal in einem Wintergarten und der schwedische Schwingsessel in einer gemütlichen Sitzecke. Und all diese Stühle stehen nun sorgfältig aufgereiht in einem Gottesdienstraum.

Vor ein paar Jahren nämlich wurde die Kirche aufwändig saniert: Ausgestattet mit der neusten Technik ist die Kirche licht und hell geworden, alles auf das beeindruckende Kreuz über dem Altar ausgerichtet. Doch am Ende reichte das Geld nicht mehr für neue Stühle. Der Kirchenvorstand rief zu weiteren Spenden auf und reagierte vorübergehen pragmatisch: Die Gemeindeglieder sollten einen ausrangierten Stuhl mitbringen.

Und nun sitzen sie da bei Andacht und Gebet, jede und jeder auf einem anderen Stuhl. Wer kommt, sitzt ja sowieso auf seiner eigenen Geschichte. Hier und da gibt es auch im Lebenslauf Schrammen, an manchen Stelle ist sogar der Lack ab oder es quietscht. Aber der Blick ist bei allen nach vorn gerichtet – auf das Kreuz, das da im Licht erstrahlt! Denn wie auch immer wir auf Jesus schauen und was wir mitbringen: Jesus leuchtet uns an und gibt uns Kraft!

Die Renovierung ist schon einige Jahre her, die Stühle stehen immer noch da. Die Gemeinde hat dieses Provisorium so lieb gewonnen, dass sie daran festhalten. Die Spendengelder geben sie lieber an ein anderes Projekt weiter.

Behütet

Andacht für das Langenhagener ECHO am 25.06.16 von Pastor Rainer Müller-Jödicke

Am liebsten trifft er sich mit seinen Freunden auf dem Fußballplatz. Gleich nach den Hausaufgaben zieht er die Turnschuhe an und flitzt übers Feld. Doch im zu Ende gehenden Schuljahr hatte er sich in seinem vollen Kalender jede Woche anderthalb Stunden Zeit reserviert, nämlich für Gott.

Ein ganzes Jahr lang haben wir uns regelmäßig getroffen: im wöchentlichen Unterricht, bei Gottesdiensten und auch auf Freizeiten. Am Ende dieses Konfirmandenjahres stand dann vor ein paar Wochen die Konfirmation. Mit seinen drei besten Freunden stand er vor mir am Altar und sagte vor der Einsegnung seinen Konfirmationsspruch auf. Kurz war der, aber mit Sorgfalt ausgewählt: „Gott behüte deine Seele“, so heißt es in dem alten Psalm, der ihm so gefällt. Auch ich wünsche ihm das, dass Gott ihn behütet: in der Schule, auf dem Sportplatz, und überhaupt auf seinem Lebensweg. Darum habe ich ihm zum Segen die Hand auf den Kopf gehalten – als Zeichen dafür, dass Gott ihm einen ganz besonderen Hut aufsetzt, nämlich einen Hut voller Segen.

Er glaubt fest daran, dass Gott ihn behütet, denn er hat das erfahren und erlebt. Er hat mal erzählt, dass er als Grundschüler gestützt ist. „Es ist nichts wirklich Schlimmes passiert, denn ich war ja behütetet“, erinnerte er sich. Und doch habe er eine Nacht im Krankenhaus verbringen müssen. „Im ersten Moment war das schwer, als meine Eltern sich abends verabschiedeten und später die Nachtschwester das Licht ausmachte“, erzählte er und wusste es noch wie gestern: „Trotzdem fühlte ich mich nicht allein, denn ich spürte, dass Gott bei mir ist und mich behütet!“

Dieses Erlebnis hat ihn motiviert, mehr über Gott zu lernen und zum Konfirmandenunterricht zu kommen, wo sein Glaube fester werden konnte. Inzwischen steht er wieder jeden Nachmittag in seinen Turnschuhen. Wie es aussieht, wird er trotzdem zwischen durch mal Zeit reservieren für Gott. Er hat vor, in die Jugendgruppe zu kommen – damit er sich mit den anderen erinnert und das nicht vergisst, dass da jemand bei ihm ist, nämlich der, der ihn behütet.

Wiedereintritt

Andacht für das Langenhagener ECHO am 19.03.16 von Pastor Rainer Müller-Jödicke

Sie hatte mich zu einer Tasse Tee eingeladen. Wir saßen im Wohnzimmer und sie wusste viel zu erzählen. Nicht immer war alles gut gegangen in ihrem langen Leben – mit ihr selbst und den vielen Kindern. Besonders um die Enkel machte sie sich Sorgen. Mal haben ihr die Nachbarn zur Seite gestanden, mal andere Leute – aber einmal war niemand für sie da gewesen. Besonders hatte sie sich dabei über ihren Pastor geärgert; sie war so enttäuscht, dass sie ihr Leben lang nichts mehr mit der Kirche zu tun haben wollte.

Aber jetzt wollte sie mir danken, dass die Eltern aus dem Konfirmandenunterricht sich so um ihren Enkel kümmern. Der Junge hat es gerade ziemlich schwer in seinem Leben, aber die anderen Mütter werfen abwechselnd ein Auge auf ihn, so dass er auf dem rechten Weg bleibt. Sie als Oma hatte ja beim Einkaufen nur einer der Frauen von ihrer Sorge erzählt und angedeutet, dass sie nicht so recht weiter wisse. Doch die andere habe nur gesagt: „Ich höre, dass du Hilfe brauchst, wir unterstützen dich und kriegen das schon wieder hin!“

Als sie das so erzählte, da verstand ich endlich, was sie eigentlich von mir wollte: Sie wollte wieder dazugehören! Sie wollte in die Kirche wieder eintreten. Ich bin aufgesprungen und schnell zum Auto gerannt. Dort habe ich immer ein Formular im Handschuhfach. Wir haben es dann zusammen ausgefüllt: ihren Namen und die Adresse eingetragen und, an welchem Tag sie geboren ist. Ich brauchte aber für den Wiedereintritt noch ihr Taufdatum. Das hatte sie nicht genau im Kopf und eilte ins Schlafzimmer: Dort hängt seit vielen Jahrzehnten ihre Konfirmationsurkunde über dem Bett, und da ist auch das Datum von ihrer Taufe festgehalten.

Es hat einen ganzen Moment gedauert, bis sie wieder ins Wohnzimmer kam. Ich konnte ihr ansehen, dass ihr eine Träne über die Wange gelaufen war, als sie sagte: „Ich habe doch damals nichts mehr mit Gott und den Leuten aus der Kirche zu tun haben wollen. Doch nun schauen Sie mal auf meinen Konfirmationsspruch: „Gott spricht“, steht da: „Rufe mich an in der Not, so will ich dir reichlich Hilfe schicken!““

Auf dem Weg zum Weihnachtsfest

Andacht für das Langenhagener ECHO am 24.12.15 von Pastor Rainer Müller-Jödicke

Er pendelt. Jeden Montag geht es auf die Autobahn runter bis nach München, und freitags geht es nach Dienstschluss wieder zurück in den Norden. Meistens fühlt sich die das dann trotz Stau gar nicht so lange an, weil er sich einfach auf seine Frau und die Familie und Freunde freut, die da in der Heimat auf ihn warten. Nun ging es also in der Weihnachtswoche schon am Mittwochabend wieder zurück. Aber als er sich ins Auto setzte, spürte er schon ein Grummeln in der Magen-Darm-Gegend. Bereits den ganzen Tag lang war ihm nicht gut gewesen. Aber er wollte doch zum Fest nach Hause – und fuhr los

Die ersten hundert Kilometer summte er noch Weihnachtslieder, doch hinter Würzburg wurde ihm auf einmal heiß, dann lief es ihm eiskalt den Rücken herunter. „Oh Gott“, was soll ich bloß tun“, betete er im Stillen. Sollte er umdrehen, sich in seinem gemieteten Zimmer ausschlafen und es im Laufe des Heiligen Abend noch einmal versuchen?

Die Autos um ihn herum fuhren immer gereizter. Auch dem Bulli vor ihm ging es nicht schnell genug und er setze zum Überholen an. Auf einmal war somit der Blick frei auf den dann folgenden LKW-Anhänger. Er traute seinen Augen nicht. Sonst stand auf jeder LKA-Plane in leichten Schriftvarianten irgendein Firmenname, jetzt sah er ein Bild. 

Er erkannte drei Männer mit Geschenken. Die schauten auf einen großen Stern. Und sie trugen Kronen. „Das sind ja die Heiligen drei Könige“, entfuhr es ihm. Nun wird´s auch für euch Zeit, schmunzelte er, „dass ihr pünktlich ankommt. Er fuhr noch etwas näher auf, so dass er den Schriftzug darunter lesen konnte. „Gott spricht auch zu dir: Ich bin bei dir auf deiner Reise, damit du gut ankommst!“

Auf einmal wurde ihm wohlig warm, denn er fühlte, dass dieser Satz dort genau für ihn stand. So wie die Könige damals ihren Weg gefunden haben zum Jesuskind, so würde auch er es sicher schaffen. Er ist dann kurz herausgefahren, Er hat sich dann an der nächste Raststätte Salzstangen und Cola gekauft und ist weiter nach Hause gefahren – im Vertrauen darauf, dass auch er dort Weihnachten feiern kann, weil Gott uns behütet auf unserem Weg.

Wieder vereint

Andacht für das Langenhagener ECHO am 03.10.15 von Pastor Rainer Müller-Jödicke

Seit 25 Jahren ist unser Land wiedervereinigt, doch in meiner früheren Gemeinde erinnerten sich alle noch gut an die Zeit, als die Mauer noch stand. Immer wieder musste jemand die lustige Geschichte von der Matratze erzählen, die doch einen traurigen Hintergrund hatte: In der Partnergemeinde im Vogtland lebte damals ein Mädchen mit einer schweren Rückenerkrankung. Doch auf eine Spezial-Matratze konnte ihr kirchlich engagierter Vater, der kein SED-Parteimitglied war, nicht hoffen. Also lag beim nächsten Besuch der westdeutschen Partnergemeinde eine Spezial-Matratze im Bus und ein betagter Mitreisender gab vor, dass er ohne seine Matratze nicht schlafen könne. Natürlich blieb die Matratze im Vogtland und erleichterte das Leid des Kindes sehr. So praktisch und erfinderisch war diese Partnerschaft.

Gleich nach dem Krieg und der innerdeutschen Teilung war jeder ostdeutschen eine westdeutsche Kirchengemeinde zugeteilt worden. Aus dem Westen kam vor allem materielle Unterstützung. Darüber hinaus gab es immer wieder geistliche Impulse zwischen beiden Seiten: Die einen beteten für die anderen, neue Lieder wurden hin- und hergeschickt, die Pastoren tauschten Fachliteratur aus, die Jugend begegnete einander in Ost-Berlin. Wenn mal ein Bulli aus der damaligen DDR kommen durfte, dann gab es viel zu staunen und zu erzählen – die Gemeinden im Westen wurden dabei immer dankbarer für unsere Religionsfreiheit.

Erstaunlicherweise brach in meiner früheren Gemeinden diese Verbindung in den Osten nach der Wende nicht ab, denn es waren Generationen übergreifend Freundschaften zwischen ganzen Familien entstanden. Hatten die am Anfang vor allem Pakete über die Grenze geschickt, so gibt es mittlerweile einen eher geistlichen Austausch. Zu Beginn meiner Zeit lag dort die Jugendarbeit am Boden – und es waren die Vogtländer, die sie wieder zum Leben erweckten, indem sie unsere Konfirmanden zu einer Ski-Freizeit über Silvester einluden. Die schmissigen Lieder, die sie mitbrachten, singen sie bis heute. Drei Jahre später waren die engagiertesten Jugendlichen im Vogtland zu Studenten geworden und hatten die Gemeinde verlassen. Dann lag es an uns, die dortigen Jugendlichen einzuladen. Wie selbstverständlich reisten sie herbei und freuten sich auf eine gemeinsame Wattwanderung – im Gepäck gute Wünsche ihrer Familien, die ihnen diese Fahrt gönnten und sich freuten, dass so etwas heute selbstverständlich ist, weil es die Mauer nicht mehr gibt. Wir haben am 3. Oktober wahrlich Grund zu feiern.

Singende Afrikaner

Andacht für das Langenhagener ECHO am 11.07.15 von Pastor Rainer Müller-Jödicke

Wir saßen im Bus und plötzlich fingen sie an zu singen: Ich war am Dienstag mit anderen aus unserem Kirchenkreis unterwegs, wir haben mit unseren Gästen aus Südafrika einen Ausflug gemacht. Drei Wochen lang sind sie aus unserem Partnerkirchenkreis Odi zwischen der Wedemark und Isernhagen, Burgwedel und Langenhagen zu Gast. Auf der Fahrt fingen sie dann an zu singen: Fünfzehn Afrikaner, fünfzehn Stimmen – und alles ein wunderbarer Klang, denn einige sangen das mehrstimmige Lied, andere eine Begleitmusik dazu, es klang wie ein Sommertanz, und vielfältig geklatscht haben sie auch dazu.

Ich genoss die Musik und dachte irgendwann: Diese herrlichen Melodien, die müsste ich mir aufschreiben, so etwas Schönes habe ich selten gehört. Vielleicht singt das auch mal hier ein Chor! Ich hörte noch einmal ganz genau hin und war verblüfft: Ich kannte die Melodie sehr gut: „Befiehl du deine Wege“ ist ein alter Choral aus unserem Evangelischen Gesangbuch, die Melodie ist über vierhundert Jahre alt. Genauso das nächste Lied: „Nun lasst uns gehen und treten“. Aus der Kirchengeschichte fiel mir dann die Erklärung ein: Hermannsburger Missionare haben die Lieder mitgenommen, nun kommen die Melodien zu uns zurück.

Plötzlich ging mir auf, wie sinnbildlich das verstanden werden kann: Vieles aus der Bibel habe ich schon oft gehört und gelesen, ja selbst vorgelesen. Dabei kann die Gefahr bestehen, dass ich bei zu bekannten Texten den Inhalt gar nicht mehr höre. Dann braucht es eine andere Person und einen anderen Tonfall, damit ich das Wort Gottes wieder neu entdecke und mich wieder neu begeistern davon lassen kann, dass Gott bei uns ist und uns auf unseren Wegen begleitet.

Das gesungene Bekenntnis unserer Glaubensgeschwister ist für mich auch deshalb so beeindruckend, weil sie auch die Not kennen: Einer der Pastoren aus unserer Gästegruppe hat von schrecklicher Gewalt und Unterdrückung an seinem Dienstort berichtet. Und umso mehr hat sich seine Gemeinde sozial engagiert und dabei Kraft aus dem Glauben gezogen und den Glauben an Gott verkündigt: mit Taten – und mit Musik, die einfach mitreißt.

Ein feste Burg in Ostpreußen

Andacht für das Langenhagener ECHO am 25.02.17 von Pastor Rainer Müller-Jödicke

Es rührt sie immer noch, wenn sie davon erzählt. Denn obwohl die Ereignisse schon über siebzig Jahre her sind, hat sie die bis heute vor Augen. Sie war damals noch ein Kind, als ihre Familie durch die Russen aus Ostpreußen vertrieben wurde. Weit sind sie nicht gekommen, denn schon achtzig Kilometern war Schluss. Sie wurden mit einigen anderen Familien in einem Stall eingepfercht.

Und das, was dann am Abend passierte, lässt bis heute eine Träne über ihre Wange laufen. Ein Unteroffizier kam herein, ließ die Männer, darunter auch ihren Großvater, herausbringen, und dann hörten sie Schüsse. Sie hatten es nicht mit eigenen Augen ansehen müssen, aber sie fühlten und wussten doch genau, was passiert war.

Im Laufe des Abends wurde es dann draußen immer lauter. Was die Soldaten auf Russisch miteinander sprachen, verstanden sie nicht, aber sie bekamen durchaus mit, dass ihr Lallen und das Getöse am Alkohol lag. Ihre Oma hatte die Lage als erstes erkannt: „Die zünden gleich im Suff den Stall an, dann werden wir alle umkommen!“

Entsetzt höre ich zu, als sie das erzählt. Sie ahnte meine Frage, wie sie da heraus gekommen seien. Sie weiß es noch bis heute. Die Melodie gibt ihr bis heute Kraft. „Wir haben ein Lied angestimmt“, sagt sie: „Ein fest Burg ist unser Gott! Alle vier Strophen! Dieses alte Lutherlied, darin haben sie mit ihrer Schwester, der Mutter und Oma Kraft gesucht und es den Russen entgegen geschmettert, voller Überzeugung und aus Trotz, und eben im Vertrauen darauf, dass niemand ihnen die Hoffnung nehmen kann.

„Und dann?“ will ich wissen. „Mitten in der letzten Strophe“, sagt sie, „brach plötzlich der ganze Lärm zusammen. Wir hörten einen kommandierenden Ton, eine Stimme, die wir noch nicht kannten.“ Dann habe ein energischer Mann den Stall betreten. Die vielen Orden an seiner Brust machten allen klar, dass er wirklich etwas zu sagen hatte in der russischen Armee. Als er den Mund aufmachte, staunten alle. Denn er sprach recht gut Deutsch. In Berlin hatte er studiert und darum auch den Choral verstanden. Das Werk seiner Kameraden verurteilte er mit Abscheu und rief den grausamen Unteroffizier zur Räson. „Ja, und dann?“, drängelte ich. Er habe ihnen ein Papier ausgestellt, mit dem sie sie fortziehen und sich dann in Sicherheit bringen konnten. Sie hat es bis heute aufbewahrt – wie auch die Erinnerung an diesen Choral: Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen. Amen.